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Mystik

BHAJAN NOAM

 

MYSTIK – Die ursprüngliche Religion

 

Einstimmung

 

Die Mystik ist der Kern jeder Religion und weit älter als diese. Nicht das Lesen von heiligen Schriften, der Eintritt in eine organisierte Glaubensgemeinschaft, sondern alleine der Mut authentisch und geistig autark seinen Weg zu gehen, machen einen Menschen am Ende zum Mystiker. Mysterienschulen sind Einrichtungen von Meistern, die den Schülern einen geschützten Rahmen bieten, um spirituelle Erfahrungen zu sammeln. Sie sind nicht unbedingt an feste Gebäude gebunden. Von Bedeutung ist nur die wache Anwesenheit des Schülers im Energiefeld des Meisters. Die Mystik wird nie eine etablierte Einrichtung sein, das widerspricht ihrem Wesen. Der natürliche Geist ist frei und nicht zu binden und zu begrenzen. Der zu seiner Natur zurückgekehrte Geist ist bereits der Heilige Geist.

 

Die Mystik erzieht den Menschen zu Sensibilität, Weisheit, Mitgefühl, Liebe, zu schlichter Menschlichkeit. Sie fügt ihm diese Eigenschaften nicht hinzu, sie offenbart ihm lediglich, dass sie sein eigenes wahres Wesen sind. Mystik entfernt die Schale, die noch die strahlende Seele schützend ummantelt. Sie zeigt ihr ihre wahre Kraft und ihr ewigwährendes Einssein mit dem Allgeist. Mystik ist Erinnern. Das geschah am Berg Sinai, das geschah an Pfingsten in Jerusalem, das geschah Paulus auf dem Weg nach Damaskus, es geschah Kabir beim Weben, dem Zen-Mönch beim Fallen eines welken Blattes, Milarepa beim scheinbar sinnlosen Bau und Abriss immer wieder neuer Türme, Jakob Böhme in seiner Schusterwerkstatt, Rabia al-Adawwiya in der Wüste, Rumi beim Tanzen, Rabbi Nachman im Gebet, George Gurdjieff beim treuen Befolgen der letzten Worte seines Vaters, Osho auf dem Ast eines Baumes sitzend, u.v.m.

 

Mystik hat nie begonnen und wird nie enden, solange es Menschenwesen gibt, die sich noch getrennt vom großen Leben fühlen, die aber keinen Trost und keine Ablenkung mehr suchen – sondern den schweren Weg, weil er leichter ist als der einfache Weg.

 

 

Wer war der erste Mystiker / die erste Mystikerin?

 

An dieser Stelle unternehmen wir eine kleine Reise in eine noch wenig erhellte, magische Vorgeschichte der Menschheit und versuchen dabei, etwas von ihrem Denken, Fühlen, Hoffen und Glauben zu verstehen.

 

War der unbekannte eiszeitliche Maler, der vor etwa 30.000 Jahren das eindrucksvolle Bild (das den Titel „Jägertragödie“ erhielt) an die Wand der Höhle von Lascaux zeichnete, einer der ersten Mystiker? Das Bild stellt einen von einem Bison getöteten Jäger dar, dessen Seele ihn in Gestalt eines Vogels verlassen hat und noch in der Nähe auf einem Zweig sitzend verweilt. Sollte dieses Bild den damaligen Betrachtern die Unvergänglichkeit des Seins vor Augen führen?

 

War es jener Künstler, der vor 40.000 Jahren das älteste Musikinstrument der Welt erschuf, eine Flöte aus einem Schwanenknochen, die in einer Höhle der Schwäbischen Alb am Oberlauf der Donau gefunden wurde? Sie ist perfekt gestimmt wie heutige Flöten und muss in jener Höhle damals einen magischen Klang erzeugt haben, der die Hörer in transzendente Welten trug.

 

War es jener Seher oder jene Seherin, der/die vor 50.000 Jahren das älteste Schutz-, Heil- und Segenssymbol aus der geistigen Welt empfing, das im Norden Europas als „Aegishjalmur“ bekannt ist, in Indien „Ashtanga Yantra“ genannt wird und genauso unter Kelten, Hebräern, Russen, Chinesen und Indianerstämmen Südamerikas in verwandter Form verbreitet war und ist und als heiliges Zeichen auf Schamanentrommeln, als Kultgerät, als Schriftsymbol oder als Tätowierung die Verbindung zur Welt des Göttlichen herstellt?

 

Oder war es der eisenzeitliche Bildhauer des Quellsteins der Donau? Die Donau hat zwei Quellflüsse, die Breg und die Brigach. Beide sind nach der Göttin der Kelten „Brigha“ oder modern „Brigitte“ benannt, was „die Strahlende“, „die Lichtvolle“ bedeutet. Der Quellstein der Brigach zeigt die Göttin Brigha, nach der Städte wie z.B. Brighton, Bristol, Bregenz aber auch die Bretagne, (Groß)britannien  oder der Bodensee (ursprünglich „Brigantinus) benannt sind, als Trimurti (Dreiköpfige). Ebenfalls befinden sich drei Tiere darauf: ein Hase, der mit der Körperlichkeit, der Sexualität assoziiert wird, ein Hirsch, dessen Geweih mit dem lichtvollen Geist verbunden ist und ein Vogel, der die in der Astralwelt frei umherschweifende Seele symbolisiert. Wollte er dem Betrachter diese Köper-Geist-Seele-Einheit näher bringen?

 

* * * *

 

 

Mystik ist so vielfarbig wie die Meister, die sie mit ihrem Sein erfüllen. Hier möchte ich in meinen Worten nacherzählen, was ich einst hörte und was sich in meinem Gedächtnis aus dem Leben halbwegs geschichtlich erfasster Mystiker verankerte. Zumeist entzieht sich das Leben der Mystiker der offiziellen Geschichtsschreibung. Selten hinterlassen sie eigene Schriften und ihre Lebensdaten sind wenig gesichert. Doch es gibt glaubhafte Erinnerungen an sie in schriftlich und mündlich tradierter Form. Diese Erzählungen können uns einen Geschmack, ein gewisses Aroma vermitteln, sie können die Neugierde in unserer Seele wecken – oder im besten Fall Heimweh in ihr erzeugen.

 

 

1. Abraham

 

Im Talmud ist eine Geschichte über Abrahams Kindheit zu lesen. Abrahams Vater war Terach, ein angesehener Priesters in der Stadt Ur in Chaldäa. Wie es vielen großen Seelen ergeht, die sich auf dieser Welt ankündigen, so erging es auch Abraham. Schon vor seiner Geburt erfuhr der Vater, dass sein Sohn getötet werden sollte. Deshalb versteckte ihn der Vater in einer Höhle und schlich sich jede Nacht zu ihm, um ihm Essen zu bringen. So wuchs Abraham die ersten Jahre in Dunkelheit auf und kannte nichts außer dieser dunklen Höhle. Doch Abraham war eine fortgeschrittene Seele, die sich nach Gott sehnte und Gott mit ganzem Herzen suchte. Schon als kleines Kind war er mit außergewöhnlicher Intelligenz gesegnet. Als die Gefahr der Verfolgung vorüber war und sein Vater ihn eines Nachts aus der Höhle befreite, sah er zum ersten Mal den überwältigenden Sternenhimmel. Er dachte sofort, das ist Gott. Doch dann ging der Vollmond am Horizont auf und stieg höher und höher. Und Abraham dachte: nein, nicht die Sterne, dieses große Licht muss Gott sein. Am nächsten Morgen nach dem Erwachen trat er vor das Haus seiner Eltern und erlebte den alles überstrahlenden Sonnenaufgang. Und wieder dachte er, nein, nicht der Mond, diese Sonne ist Gott. Doch der Abend kam und die Sonne verschwand hinter dem Horizont. Und Abraham erkannte, nicht was kommt und geht ist Gott, sondern Gott ist, der all dieses erschaffen hat und lenkt, der unsichtbar und unendlich über allem thront. So war er der Erste, der die Erkenntnis von dem einen Gott hatte, der ohne Namen, ohne Aussehen, ohne Form ist – und zugleich alles ist, was ist, das ganze Sein.

 

 

2. Echnaton

 

Einer der Schlüssel zu den uralten Mysterien seit Atlantis ist der Sonnengesang des Pharao Echnaton (um 1350 v. Chr.), der uns jedoch erst durch dessen Lebensgeschichte verständlich wird. Als zweiter Sohn Amenhotep III. und der Königin Teje war er ursprünglich nicht als Regent vorgesehen, sondern wurde zunächst für lange Jahre Schüler einer Mysterienschule. Erst als sein älterer Bruder Tuthmosis starb, trat er an dessen Stelle. Echnaton war nicht an Krieg interessiert, er war wohl der erste Pharao, der rückhaltlos Frieden praktizierte, obgleich er dabei das halbe Reich riskierte und tatsächlich verlor. Das brachte ihm mehr Feindschaft durch die Oberschicht ein als seine religiösen Vorstellungen, die er mit Toleranz und Respekt dem Althergebrachten gegenüber einführte. Als erster Regent proklamierte er die Emanzipation. Seine Gattin Nofretete erhob er in den Pharaonenstand, sodass sie gleichberechtigt neben ihm regierte. Wie er die Natur liebte und verehrte, lebte er auch auf natürliche Weise in aller Öffentlichkeit, wie es zahlreiche Darstellungen dokumentieren, sein Familienleben. Beide werden oft an den Händen haltend und gemeinsam mit ihren Töchtern abgebildet. So war er ein Reformer auf vielen Ebenen. Nach seinem Tod setzte Nofretete gemeinsam mit der ältesten Tochter für kurze Zeit die Regentschaft fort. Danach wurde durch den jungen Tutanchamun, ein Sohn Echnatons mit einer Nebenfrau, die Linie aufrechterhalten. Mit dessen frühem Tode endete die 18. Dynastie und die kriegerische und eroberungswütende Ramses-Dynastie begann. Die Zeit aber hatte gereicht, um wertvolle Schätze, Schriften und Anderes, vor der Vernichtung zu retten und außer Landes zu bringen, sodass sich die Lehre der Mysterien ungebrochen fortsetzen konnte.

 

Pharao Echnatons Sonnengesang wurde im Felsgrab des Pharaos Eje in Tell el Amarna  in 13 Zeilen aufgezeichnet und gibt das literarische Kunstwerk des Pharaos wieder. Echnaton ist der erste historisch fassbare Denker, welcher die gesamte Natur- und Menschenwelt aus einem Prinzip heraus erklärte. Überragender Bezugspunkt seiner Religion ist das Licht, verkörpert durch die Sonne, der er seinen Gesang widmete.

 

 

3. Gargi

 

Vor etlichen tausend Jahren, zu der Zeit, als die Upanischaden geschrieben wurden, war es in Indien Sitte, philosophische Wettkämpfe durchzuführen. Damals rief der Herrscher des Landes alljährlich sämtliche Weisen zusammen, denn er selbst war philosophisch sehr interessiert. So geschah es einmal, dass er ankündigte, er würde demjenigen, der als Sieger aus dem Wettstreit hervorging, tausend Rinder mit vergoldeten und diamantenbesetzten Hörnern schenken.

 

Jagnavalkya war einer der bekanntesten und gelehrtesten Männern jener Tage. Er war sich seines Sieges gewiss, und als er dort eintraf, wo die Debatte stattfand, sah er die Rinder mit ihren geschmückten Hörnern, die im Sonnenlicht einen großartigen Anblick darboten. Er sagte zu seinen Schülern: „Bringt die Rinder in unser Lager, damit die armen Tiere nicht unnötig in der heißen Sonne ausharren müssen.“

 

Die Schüler sagten: „Du musst sie doch erst gewinnen!“ Er antwortete: „Dafür sorge ich schon.“ Und der Herrscher sowie alle die weisen Männer, die sich in großer Zahl versammelt hatten, konnten es nicht verhindern. Sie wussten, dass es unmöglich war, ihn im Streitgespräch zu besiegen. Also führten seine Schüler die Rinder fort.

 

Doch kurz bevor er zum Sieger erklärt werden sollte, trat eine Frau namens Gargi vor, sie hatte auf ihren Ehemann gewartet, der ebenfalls an dem Wettstreit teilnahm. Sie war gekommen um ihn abzuholen und als sie das Gelände betrat, wurde sie der ganzen Szene gewahr, und sie sagte zum Herrscher: „Erkläre noch nicht seinen Sieg.“ Zu Jagnavalkya gewandt sagte sie: „Mit diesen Philosophen hattest du es leicht. Aber lass mich, eine Frau, dir eine einfache Frage stellen. Wenn du sie beantworten kannst, behalte die Rinder, die du zu unrecht so früh in dein Lager geführt hast. Wenn du sie nicht beantworten kannst, musst du sie mir bringen lassen.“ Jagnavalkya war kurz irritiert, aber dann sagte er mit herablassendem Ton: „Stelle mir deine Frage, aber mache es kurz, ich habe heute noch einen weiten Weg vor mir.“

 

Gargi, die sich nicht beeindrucken ließ, fragte Jagnavalkya: „Sage mir, ist alles, was existiert, erschaffen?“ „Ist das deine Frage“, lachte er, „ja gewiss, alles ist von Gott erschaffen! Und jetzt lass mich in Ruhe mit solchen Fragen, die dir jedes Kind beantworten kann.“ „Langsam“, sagte Gargi, „ich bin noch nicht fertig. Jetzt bist du nämlich in Schwierigkeiten. Wer erschuf Gott? Denn er existiert genauso, und alles was existiert braucht einen Schöpfer.“ Jagnavalkya erkannte, dass es problematisch wird. Denn wenn er sagt, ein anderer Gott hat ihn erschaffen, wird die Frage von neuem beginnen – wer erschuf den anderen Gott? Du kannst es tausendmal beantworten, doch die Frage wird dieselbe bleiben: Wer erschuf den ersten Gott? Und wenn da jemand ist, der ihn erschuf, kann er sich nicht als den ersten bezeichnen.

 

Jagnavalkya wurde so ärgerlich, dass er sein Schwert zog und sagte: „Frau, wenn du nicht aufhörst, wird gleich dein Kopf zu Boden fallen!“ Aber Gargi sagte: „Tue dein Schwert zurück in die Scheide. Schwerter sind keine Argumente.“ Und sie sagte zum Herrscher: „Sage diesem Mann, dass er die eintausend Rinder zurückbringen muss.“ Es war so beschämend für Jagnavalkya, dass er später niemals mehr an einer Diskussion teilnahm. Und Gargi bekam alle eintausend Rinder. Sie ist die erste bekannte erleuchtete Frau in der Geschichte.

 

 

4. Buddha

 

Eine Geschichte, die uns das Wesen des Buddha so wunderbar veranschaulicht, ist die Begegnung mit Angulimala, dem Mann, der 999 Menschen umgebracht hatte und auf das tausendste Opfer wartete.

 

Buddha hatte durch seine Schüler von einem gefährlichen Mann erfahren, Angulimala, der schon 999 Menschen umgebracht hatte und nur auf den Einen wartete, um die Tausend voll zu machen. Sie wanderten gerade durch jene Gegend, wo er sein Unwesen trieb. Alle machten voller Furcht einen weiten Bogen um den Wald, in dem er hauste. Aber Buddha sagte zu seinen Schülern: „Hättet ihr mir nichts von diesem Mann erzählt, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, diesen Wald zu betreten, nun muss ich hingehen, um ihm zu begegnen.“ Die Schüler waren entsetzt und versuchten ihn mit allen Mitteln aufzuhalten. Doch wer kann einen Buddha aufhalten? Er ging in den Wald und nur einige wenige Schüler folgten ihm mit großem Abstand. Da stand plötzlich Angulimala und sah Buddha unbeirrt auf sich zukommen. Von Buddha ging aber eine solche friedvolle Schwingung aus, dass er irritiert war. Und er hörte sich selbst rufen: „Du scheinst nicht zu wissen, wer ich bin. Wenn dir dein Leben lieb ist, kehre um, verlasse meinen Wald!“ Buddha antwortete: „Ich weiß sehr wohl, wer du bist. Genau deshalb komme ich ja.“ Angulimala verstand nicht und rief: „Ich bin Angulimala. Siehst du die Kette aus Knochen um meinen Hals? Sie sind von 999 Menschen, die ich getötet habe und ich will die Tausend vollenden. Verschwinde schnell, bevor du der Tausendste bist.“

 

Buddha war mittlerweile ganz nah gekommen, Er stand unmittelbar vor diesem ungehobelten Riesen und schaute ihm in die Augen. Solch ein Frieden ging von ihm aus, dass Angulimala fast den Verstand verlor und nicht wusste, wie er reagieren sollte. Buddha sprach zu ihm: „Du kannst mich gerne töten, wenn ich dir damit helfen kann. Wenn es dich glücklich macht, tausend Menschen getötet zu haben, will ich dein Glück unterstützen. Doch bevor Du mich tötest, möchte ich dir ein Frage stellen.“ Angulimala, der nun gar nicht mehr wusste, mit was für einem seltsamen Mann er es hier zu tun hatte, sagte: „Stelle deine Frage. So ein Mann wie du ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht begegnet. Irgendetwas geschieht hier mit mir, aber ich kann es nicht erklären“ Und Buddha sagte: „Brich bitte einen Zweig von diesem Baum.“ Angulimala tat es wie unter Hypnose. „Kannst du ihn jetzt wieder zum Anwachsen bringen?“ fragte ihn darauf Buddha. „Bist du verrückt“, rief Angulimala, „das kann ich nicht.“ „Wenn du kein Leben erzeugen kannst, darfst du auch nicht töten“, sagte Buddha sanft. Angulimala, dem plötzlich die Tränen in die Augen schossen, weil er verstanden hatte, kniete vor Buddha nieder, berührte seine Füße und bat ihn, sein Schüler werden zu dürfen.

 

Weil Buddha nicht urteilte, auch nicht über einen grausamen Mörder, weil er ihm sogar sein Leben hingab, konnte er etwas in diesem Menschen verändern.

 

 

5. Kabir

 

Der indische Dichter und Mystiker Kabir war von Beruf ein Weber gewesen. Trotz seiner Berühmtheit als erleuchteter Meister hatte er stets die Angebote seiner Schüler, für seinen Lebensunterhalt Sorge zu tragen, abgelehnt. Bis an sein Lebensende verdiente er sein Geld mit Weben. – In seinem letzten Gebet vor seinem Tod sagte er: „Gott, du hast mir einen wunderschönen Mantel gegeben. Jetzt lege ich ihn wieder ab und ich gebe ihn dir genauso zurück, wie ich ihn von dir erhielt“. Kabir hatte viele Gedichte und Lieder verfasst, in ihnen hatte er die einfache Sprache der Weber beibehalten. Deshalb konnte ihn auch das einfache Volk verstehen. Und es verehrt und singt seine Lieder noch bis heute. Mit dem „Mantel“ meint er den Körper, den die Seele von Gott für dieses irdische Leben erhält. Und er sagt, er hat ihn gepflegt, er hat dieses Geschenk in Ehren gehalten und kann es nach den vielen Jahren im gleichen Zustand zurückgeben, wie es ihm einst anvertraut wurde.

 

In diesem Gebet ist alle Weisheit enthalten. Mit diesem Gebet wird eine geistige Haltung besungen, die eigentlich jedem von uns tief verborgen innewohnt. Durch dieses Gebet wird das Grundgesetz des Lebens ausgesprochen. Dieses Leben, dieser Planet, unsere Fähigkeiten, unser scheinbarer Besitz, alles das ist uns von Gott zum Geschenk gemacht worden – und ebenso die Verantwortung dafür. Das ist das Schöne am indischen Geist, er spricht, was gesagt werden muss, mit einem einfachen schlichten Satz aus, wie ein Vogel seine Melodie von den Zweigen des Baumes herunter singt.

 

 

6. Rabia al-Adawwiya

 

Mit diesem Bericht begeben wir uns weit zurück in die Geschichte, ins frühe 8. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung. Und wir reisen in die Stadt Basra am Persischen Golf, die zu jener Zeit eine bedeutende Handelsstadt war. Der Name bedeutet ‚Die alles Sehende‘ oder ‚Wo sich viele Wege treffen‘. Basra war ein Zentrum des frühen Sufismus, der mystischen Ausrichtung des Islam. Von hier stammte z.B. Hassan al-Basri, ein einflussreicher Sufimeister, der später in Bagdad lehrte. Basra liegt in einer der klimatisch heißesten Gegenden dieser Erde. Wie jedes Klima den Menschen äußerlich beeinflusst, so hat es auch eine maßgebliche Wirkung auf seine Gefühlswelt, auf sein Gemüt, auf sein Empfinden und Denken – und entsprechend auf sein Handeln. Es herrschte eine sehr geschäftige Atmosphäre. Und in gleicher Weise kam die neue Religion Mohameds, des Propheten, die hier gerade erst fußgefasst hatte, mit der ganzen Dynamik allen Anfangs zum Ausdruck.

 

Dennoch waren auch hier die Menschen, wie sie überall und zu allen Zeiten sind und waren. Es gab etliche Tiefgläubige, die ein bescheidenes und demütiges Leben führten, die sich hilfsbereit und mitfühlend ihren Mitmenschen gegenüber zeigten und die Gott in ihr Herz gepflanzt und auch in die Mitte ihres alltäglichen Lebens gestellt hatten. Es gab die leidenschaftlich eifernden Religiösen. Natürlich gab es aber weitaus mehr, die sich zwar nach außen hin als fromm und gottesfürchtig zeigten, aber im Herzen eher noch roh wie ungeschliffene Diamanten waren, die statt das göttliche Licht zu reflektieren, eher dem Schein dieser Welt anhingen, die in ihre Geschäfte und Geschäftigkeit verstrickt waren wie in ihre zügellosen Gedanken und Gefühle.

 

In diese Stadt hinein wurde Rabiya al-Adawwiya geboren. Rabiya bedeutet ‚vierte‘, sie war die vierte Tochter ihrer Eltern, die zwar äußerst arme aber fromme Leute waren. Sie waren so arm, dass sie bei Rabiyas Geburt kein Öl für die Lampe hatten und noch nicht einmal ein Tuch, um sie zu wickeln. So bat die Mutter ihren Mann, beides auf Gottvertrauen bei den Nachbarn auszuleihen. Rabiyas Vater hatte aber geschworen, nie in seinem Leben jemanden um etwas zu bitten, alleine nur Gott. Deshalb betete er in der Nacht aufs innigste zu Allah und flehte ihn um Hilfe an. Und plötzlich im Gebet erschien ihm der Prophet Mohamed. Der Prophet offenbarte ihm: „Deine neugeborene Tochter ist ein Liebling Gottes und wird einmal viele Muslime auf den rechten Weg bringen.“ Und dann forderte der Prophet Rabiyas Vater auf, gleich am nächsten Morgen mit dieser Botschaft zum Emir von Basra zu gehen und ihn um Unterstützung zu bitten. Der Emir war als ein äußerst frommer und Allah und dem Propheten ergebener Mann bekannt. Er war freudig überrascht über diese Botschaft und gab dem Vater so viel Geld, dass die Familie fürs Erste versorgt war.

 

Aber die Zeiten änderten sich. Kaum war Rabiya herangewachsen, starb der Vater. Sie verließ darauf die Familie, um ihr nicht zur Last zu fallen und zog durchs Land stets auf der Suche nach Arbeit. Eines Tages wurde sie von Räubern gefangen genommen und als Sklavin verkauft. Nun begann ein hartes Leben. Rabiya, die schon seit ihrer Kindheit eine innige Verbindung zu Gott in sich spürte, verlor nicht den Mut. Tagsüber arbeitete sie hart, dennoch verbrachte sie jede Nacht etliche Stunden im Gebet. Oft war sie so vertieft, dass sie laut sang und mit Gott sprach. Ihr Besitzer, der eines Nachts aufgestanden war, hörte wie Rabiya zu Allah rief: „Du weißt, wie sehr ich dich liebe und dass ich gerne Tag und Nacht nur zu dir beten und für dich singen möchte, aber ich muss am Tag arbeiten, was soll ich machen.“ Diese Worte Rabiyas und ihre inbrünstige Gläubigkeit trafen ihn so tief in seinem Herzen, dass er es für Gotteslästerung hielt, weiterhin ihr Herr zu sein, denn sie hatte Allah, wie konnte er dazwischen stehen! Und am Morgen sprach er sie an und sagte, er sei ab heute ihr Diener und sie könne als seine Herrin im Haus leben, wenn sie aber lieber gehen wolle, könne sie frei gehen.

 

Rabiya dankte ihm und sagte, dass sie gehen wolle und ab jetzt nur noch Gott dienen möchte und zog darauf in die Wüste, wo sie mehrere Jahre das Leben einer Einsiedlerin führte. Sie betete stets aus reiner Liebe zu Gott, sie war tief in Liebe versunken, wenn sie mit ihm sprach, wenn die Lieder aus ihrem Herzen strömten. Sie wusste sich ständig mit ihm vereint. Und so war sie im Sufismus die Erste, die erkannte, dass wir um unsrer selbst willen von Gott angenommen und geliebt werden, dass es keine trennende Sünde gibt, dass Reue und Umkehr bereits ein Geschenk Gottes an uns ist. Das wurde auch später ihre Lehre. Zwar lehrte sie, dass Sünden nicht ohne Folgen blieben, aber dass man sich nie aus Angst Gott zuwenden solle, sondern nur in Liebe. Mit dieser verständnisvollen und herzlichen Art wurde sie zur bekanntesten und beliebtesten Mystikerin im Sufismus.

 

 

7. George Gurdjieff

 

Gurdjieffs Vater starb, als sein Sohn erst neun Jahre alt war. Er rief ihn an sein Bett und sagte zu ihm: „Ich bin ein armer Mann, ich kann dir nichts vermachen, doch ich kann dir etwas mit auf deinen Lebensweg geben, etwas, was mir auch mein Vater mitgab. Du bist noch sehr jung und du wirst es jetzt noch nicht verstehen. Höre mir deshalb gut zu und merke es dir für später, wenn du größer sein wirst. Ich möchte, dass du mir ein Versprechen gibst. Wenn du jemandem begegnest, der etwas Negatives, etwas Beleidigendes zu dir sagt, höre ihm einfach nur zu, ohne darauf zu reagieren. Und sage ihm dann, ich werde dir morgen darauf antworten, lasse mir einen Tag Zeit. Ich habe es meinem Vater versprochen. Morgen erhältst du meine Antwort.“ Gurdjieff gab ihm dieses Versprechen und sein Vater schloss die Augen und starb. Es waren seine letzten Worte gewesen. „Ich hielt mich mein ganzes Leben lang daran“, sagte Gurdjieff, „und ich lernte, niemand kann vierundzwanzig Stunden wütend auf jemand sein. Ich erkannte innerhalb dieser Zeitspanne, dass derjenige entweder Recht hatte mit dem, was er zu mir gesagt hatte – oder dass er Unrecht hatte. Weder im ersten noch im zweiten Fall gab es also einen Grund wütend zu sein. Ich konnte in Ruhe zu ihm sagen, ich habe in mich reingeschaut und erkannt dass es stimmt, was du gesagt hast – oder aber, ich konnte das, was du über mich gesagt hast, nicht in mir finden, du hast dich geirrt. Mein Vater hatte mir das größte Geschenk gegeben, das ein Sohn von seinem Vater erhalten kann, er hatte mir den Weg in die Bewusstheit gezeigt und damit den Weg in die Freiheit. Ich wurde frei von mechanischem, unbedachtem Reagieren. Ich wurde unabhängig von den flatternden Gedanken und schwankenden Gefühlen in mir. Ich wurde klar und lernte in die Tiefe zu schauen. Ich erkannte mich selbst und damit zugleich alle anderen. Denn auf der tiefsten Ebenen bin ich nicht nur ich selbst, sondern auch alle anderen Wesen, die ganze Existenz.“

 

 

8. Eine unbekannte Erwachte

 

Persönlich bin ich drei erleuchteten Frauen begegnet. Die erste davon tritt durch eine Besonderheit hervor. Ihr begegnete ich mit etwa 26 Jahren an einem Ort, wo man Erleuchtete vielleicht am wenigsten erwartet, in einem kleinen Bergdorf im Norden Bayerns. Ich suchte damals nach einer bestimmten Adresse, und weil ich sie nicht finden konnte und keinen Menschen auf der Straße antraf, den ich hätte fragen können, klingelte ich an der erstbesten Tür. Als sie sich öffnete und eine etwa siebzigjährige Frau heraustrat, stolperte ich – innerlich – mindestens drei Schritte zurück. Welch ein Blick! Solche Augen hatte ich in meinem bisherigen Leben noch nie gesehen. Ein klarer, strahlender Abgrund bis in die tiefste Seele. Ich schaffte es irgendwie, sie nach jener Adresse und dem Weg dorthin zu fragen, und sie gab mir unbefangen die gewünschte Auskunft. Ich weiß nicht, wie und warum ich meine Fassung bewahrte und konnte meinen Blick nicht von ihr abwenden. Schließlich bedankte ich mich für die Auskunft und ging innerlich aufgewühlt zum Auto zurück. Diese Begegnung bleibt mir für immer im Gedächtnis. – Später sollte ich von einem meiner Meister erfahren, dass es Erleuchtete gibt, die ihre eigene Erleuchtung gar nicht registrieren. Warum auch? Es ist ja das Allernatürlichste. Ich bin sicher, diese Frau zählte dazu.

 

 

9. Du

 

Hier beginnt nun deine Geschichte, die du selbst mit deinem lebendigen Sein schreiben wirst. Im Lernen von den Meistern erkenne in dir selbst den Meister, der nichts anderes als ein einfacher Mensch ist, voller Mitgefühl, voller Liebe und voller Frieden. Möge es so sein. OM Shanti.

 

 

 

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© 2020 Text: Bhajan Noam 

 

 

 

 

 

 

 

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