SEITEN DES LEBENS
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Zweites Morgengebet

Herr, lass mich innehalten in meinem Tun
Um in mein Herz zu schauen
Und mein Gewissen zu prüfen
 
Wo ich auch sein mag und wem ich begegne
Bei wem ich einkehre und mit wem ich handle
Wer bei mir eintritt und wem ich diene
Wem ich die Hand reiche und wer mich empfängt
Was auch immer mein Mund sagt und was meine Ohren hören
Was mein Geist ersinnt und was meine Hände erschaffen
Zehn Engel mögen stets an meiner Seite sein:
 
Der Engel der Wahrheit
Der Engel der Freundlichkeit
Der Engel der Freigebigkeit
Der Engel der Klugheit
Der Engel der Weitsicht
Der Engel der Schönheit
Der Engel der Toleranz
Der Engel des Mitgefühls
Der Engel der Vergebung
Der Engel der Liebe Gottes
 
Herr, mit deinem Segen
Und mit meiner Wachheit und Beharrlichkeit
Möge es in jedem Augenblick so sein
 
 
 
 
Reflektion zum „Zweiten Morgengebet“
 
„Wer sich auf seinen Verstand verlässt, ist ein Tor;
wer aber in der Weisheit wandelt, wird entrinnen.“
Sprüche 28.26
 
„Erlöse mich vom Druck der Menschen,
dass ich beobachte deine Befehle.“
Psalm 119.134
 
„Das höchste Selbst des selbstbeherrschten und friedvollen Menschen bleibt unberührt von Hitze und Kälte, Freude und Schmerz und auch von Ehre und Schmach.
Wer Wohltätern, Freunden, Feinden, Gleichgültigen, Unparteiischen, Hasserfüllten, Verwandten, Rechtschaffenen
und Sündern im selben Geist begegnet, ist vortrefflich.“
Bhagavad Gita 6. 7
 
„In diesen Häusern lobpreisen sie ihn des Morgens
und des Abends, und weder Verkauf noch Kauf
kann sie vom Gedanken an Allah und von der Verrichtung des Gebets und von der Darbringung von Almosen zurückhalten.“
24.Sure 37/38
 
 
In dieser Welt bin ich von Geburt an eingebunden in ein soziales und in ein wirtschaftliches Gefüge. Beides betrifft und beeinflusst meinen Körper, meine Psyche und mein Denken. Mein Denken ist nicht frei, es wurde erpressbar gemacht mittels meines Körpers und mittels meiner Psyche. Ich habe dies auf unterschwellige oder auch sehr deutliche Weise in meiner Erziehung erfahren. Ich erlebe es in meinem Berufsalltag. Mein Denken wird geformt vom Erfolgsdruck. Ein Scheitern wird in dieser Welt verdammt und bestraft. In dieser Welt wird Individualität verfolgt, es sei denn, sie passt zufällig in die herrschende Norm. Mein Denken hat sich unweigerlich den Zwängen angepasst. Und meine Seele und mein Körper leiden darunter.
 
Mein Verstand ist nicht mein Verstand, er ist der Verstand der Masse. Doch die Seele lässt sich auf Dauer nicht normen und in Schubladen zwängen. Die Wahrheit hat eine große Stimme. Sie wird aber leiser und leiser, je angepasster ich mich verhalte und mit den vielen Jahren, in denen ich weghöre. Und mein manipulierter Verstand wird mich einst hassen, wird mir seine Hilfe verweigern. Er ist kein tragender Boden für mich. – Und es ist gut, dies zu erfahren.
 
Tief in mir weiß ich schon immer, es gibt ein zweites, wesentlicheres Gefüge, seit Anbeginn meine Heimat, ein feines, doch weitaus machtvolleres. Es ist das geheime seelische Gefüge: die unverbrüchliche Verbundenheit aller Seelen untereinander und mit ihrem Schöpfer. Dieses Gefüge ist die wirkliche Religion, sie besteht aus Mitverantwortung, Mitgefühl und liebevollem Sorgen. Weisheit wird in mir geboren, wenn ich in der Welt scheitere; wenn ich den Engelstimmen folge und nicht den Menschenstimmen; wenn ich dem Leben vertraue und mich ihm ergebe. Dann entrinne ich. Dann erfahre ich, dass mich dieses unsichtbare Netz schon immer sicher gehalten und getragen hat.
 
Folge ich aus Erkenntnis und einem inneren Bedürfnis der Wegweisung der Engel, dann ist eine natürliche Moral in mir herangereift, die mir nicht als Maske dient, um eitles Denken und Handeln zu verbergen, sondern meine Beziehungen sind aufrichtig, ich handle verantwortungsbewusst und souverän.
Ich schreibe über meine Beziehungen zu den zehn Engeln. Ich bin dabei ehrlich und ich verurteile mich nicht. Ich freue mich vielmehr über jede zarte Begegnung mit ihnen – in der Vergangenheit und künftig.
 
 

 

 

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