H E R Z - L O T U S

 Dein eigenes Herz

ist der lichtvolle Tempel Gottes.

Tritt ein, reinige ihn durch dein Gebet,

und dir ist alles gegeben.

 

H E R Z - L O T U S

Eine Herzmeditationen

 "Erwecke selbst wieder dein Herz,

heile deine Gefühle

und komme nach Hause."

 

Unser ganzes Leben lang suchen wir ein Zuhause, und das Zuhause ist in uns und wartet. Unser ganzes Leben lang suchen wir nach Antworten auf tiefe Fragen, und die Antworten sind da, wo unsere Fragen herkommen: in uns. Unser ganzes Leben lang verspüren wir eine brennende Sehnsucht nach etwas Unbenennbarem, und dieses Unbenennbare lebt schon alle Zeit in uns. - Alle Ziele sind bereits im Verlangen verborgen. Alle Antworten schlummern in den Fragen. Und unser wahres Zuhause hat uns Gott schon lange in unserem Herzen bereitet, wo er wartet wie die Mutter auf ihr Kind am Abend.

Warum sind wir nicht da, wo wir zu sein begehren? Warum nähren wir lieber unsere Sehnsucht als die Kräfte, die uns ans Ziel zu bringen vermögen? Warum stellen wir pausenlos Fragen, und lauschen nicht einer einzigen Antwort? Weil wir in Wahrheit Angst vor Antworten, Angst vor Erfüllung, Angst vor dem Ziel haben. Und das hat zwei Gründe. Der erste Grund ist: Bisher haben wir im Leben nur Attrappen bekommen, Placebos, Surrogate. Als wir Kinder waren, haben wir das vielleicht noch nicht gemerkt.  Doch später wuchs unsere Enttäuschung immer mehr. Und so blieben Glauben und Vertrauen auf der langen Durststrecke unseres ernüchterten Lebens liegen. Der zweite Grund, und dieser hängt mit dem ersten zusammen, ist: Enttäuschungen nahmen uns langsam das Vertrauen, töteten unseren naiven Glauben - und Glaube und Vertrauen wohnen im Herzen. So folgerten wir irgendwann, dass das Herz kein gesunder Ort für uns sei. Der Kopf sei für uns wesentlich sicherer, da er von vornherein misstraut, da er zweifelt und sich nicht so leicht hinters Licht führen lässt.

So verließen wir aber nicht nur den heiligen Ort des Glaubens, des seligen Vertrauens, sondern mit ihm auch zugleich den Ort unserer ersten Einsamkeit, unserer ersten Verlorenheit, unserer ersten Trauer, unserer ersten enttäuschten Liebe, und unserer Scham und unserer Angst. Denn im rational denkenden Kopf, in den wir umgezogen sind, sind Tiere nicht erlaubt, keine Haustiere und erst recht keine wilden. Über alle unsere Gefühle denken wir aber von nun an wie über niedrige Kreaturen. Oder wir denken tunlichst gar an sie, denn das brächte uns nur wieder in neue Schwierigkeiten. Und davon haben wir erstmal genug.

Aber wir sind schon in dicken Schwierigkeiten, wir stecken in der Klemme, wir sitzen hilflos in der Falle, und wir wissen das selbst nur zu genau. Und wir wissen auch, denn wir sind ja Das Wissen, dass wir dorthin zurück müssen, wovor wir uns so zu fürchten begonnen haben. Das ist der ganze Dreh- und Angelpunkt der gesamten Menschheit. Und genau das ist der Punkt unserer tiefen Verzweiflung. Wir trauen uns weder vorwärts noch zurück. - Würden wir unseren Worten trauen, wüssten wir, dass der Punkt der Verzweiflung auch genau der Punkt ist, wo unsere Zweifel zerbrechen, an sich selbst zerschellen und wo das Licht des Herzens unzweifelhaft wieder aufleuchten wird. Der strahlende Morgen nach der dunklen Nacht der Seele. 

Eine blind machende Angst ist jedoch mit diesen Augenblicken verbunden. Und so brauchen für eine kleine Wegstrecke lang Hilfe, bis sich das klare Sehen der Wahrheit, des Soseins für uns einstellt. Meditation ist ein freundlicher Beschützer, ein liebevoller, unaufdringlicher Begleiter und  Retter aus unseren Ängsten und Seelennöten.

Unser Herz-Lotus ist der uns angedachte Thron, der goldene Sitz unserer ursprünglichen Königswürde, die wir aus falscher Scham vertauscht haben gegen ein Bettlerdasein. Unser Herz-Lotus ist die Heimat unserer Seele, die wir aus Unwissenheit in eine Wüste verbannten. Unser Herz-Lotus ist das Reich der Freiheit, das die Brille unserer Ängste zum Gefängnis verzerrte. Unser Herzlotus ist das Ziel der Sehnsucht und die Antwort auf alle Fragen.

Ein Herz-Lotus Meditation erschafft einen Raum zum Forschen und Erfahren, zum Suchen und Finden, zum Glauben und Vertrauen, für Schmerz und für Heilung, für Weinen und Lachen, für Gebet und für Stille, für dich, wie du bist.

* * *

Beginne hier und jetzt mit der Herz-Lotus Meditation:

Sitze entspannt und gut aufgerichtet im Meditationssitz oder auf einem Stuhl. Lege beide Hände über einander auf dein Herz. Atme nun sanft zu deinem Herzen hin. Stelle dir dabei dein Herz als Knospe einer wunderschönen künftigen Lotusblume vor. Jeder Einatem ist ein zarter Wind, der die Knospe wiegt und freundlich umspielt. Jeder Ausatem kündet der Welt von ihrer zarten Schönheit. Lasse mit jedem Ein- und Ausatem das tibetische Mantra "Om Mani Padme Hum" still mitschwingen. Es besingt den Juwel, den unzerstörbaren Diamanten, der in der zarten Blüte verborgen ist. Es erzählt dir davon, dass Vergänglichkeit und Ewigkeit untrennbar miteinander verwoben sind, dass in Wahrheit das Verletzbare das Unverletzbare schützt, dass der vergängliche Mensch den unfassbaren Schöpfer in sich birgt. Atme sanft weiter, während du über dieses Wunder kontemplierst. - Atme sanft zum Herzen, während du wieder das Mantra mitschwingen lässt: "Om Mani Padme Hum, Om Mani Padme Hum, Om Mani Padme Hum..."

 

 

Fühle dich, während du mit dieser Meditation fortfährst, über deinen Beckenboden bzw. über deine Fußsohlen gut mit dem Boden verbunden. Wie der Lotus einen langen Stängel zum Grund des Sees hat und hier mit seinen Wurzeln fest verankert ist, so habe auch du tiefe Wurzeln in der Erde. Wie der Lotus, aus dem dunklen Schlamm kommend, Farbe, Pracht und Wohlgeruch verbreitet, so verbreite auch du, noch im Schlamm deiner dunklen Gefühle fußend, allmählich Lieblichkeit und Freude. Denn die Energie, die Angst, Wut und Traurigkeit erzeugt, ist die gleiche, die dich Frieden und Wonne fühlen lässt. Den Unterschied erzeugt dein Mantra, das dich mit dem göttlichen Licht verbindet und die Dunkelheit des Unwissens in Erkenntnis wandelt, das deine Nerven und dein Gemüt beruhigt und die Schleier lüftet, die dein Herz verdunkelt haben.

Lasse nun mit jedem Atemzug die Knospe deines Herzens, den Seelenlotus in dir, weiter und weiter erblühen. Lasse die Blüte sich langsam öffnen und setze sie dem sanften Wind aus, dem Licht der Sonne bei Tag und den Lichtern der Sterne und des Mondes  bei Nacht. Die aufsteigende Feuchtigkeit benetzt ihre Blütenblätter, wie die aufsteigenden Tränen vielleicht jetzt deine Wangen benetzen. Wie die Tautropfen im Sonnenlicht herabgleiten und sich Tropfen für Tropfen wieder auflösen im glänzenden Spiegel des Sees, dürfen sich mit deinen Tränen auch Stück für Stück die alten Geschichten von Verlassenheit, Enttäuschung, Verletzung, Trauer, Wut, Angst und Scham im See der Freude, im See des von Gott neu beseelten und belebten Daseins auflösen. Ruhe ganz in dir und sei ein stiller Beobachter dieses Geschehens. Erwarte nicht, dass all dieses sofort und gleich geschieht, erwarte keine Wunder. Beobachte vielmehr die kleinen Dinge, die sich nach und nach in dir verändern. Lasse Dankbarkeit dafür in dir entstehen. Lasse das Bittere der Geduld, das Salzige deiner Tränen und die Süße der Dankbarkeit die Medizin für deine heute in dir erwachende, neue, zarte Liebe sein.

Besinge innerlich oder laut jubelnd den jetzt voll aufgeblühten Lotus mit deinem freudigen "Om Mani Padme Hum, Om Mani Padme Hum, Om Mani Padme Hum..." - Lege dich danach hin, ruhe dich aus und lasse die Meditation in dir nachwirken. Wenn sie dir gut getan hat, mache sie regelmäßig und ernte nach und nach ihre Früchte.

Möge unser Weg uns aus der Dunkelheit ans Licht, von der Unwissenheit zum Wissen, vom Tod ins wahre Leben führen. Om Shanti, Shalom, Frieden

* * *

 

Einatmen und Ausatmen

Einatmen, ausatmen.
Ich bin wie ein Lotus, der blüht, ich bin frisch wie der Tau.
Ich bin fest wie ein Berg, ich bin fest wie die Erde.
Ich bin frei.

Einatmen, ausatmen.
Ich spiegle wie ein See, das was wahr ist, was real ist.
Ich fühle, es ist Platz für die Liebe tief in mir.
Ich bin frei, ich bin frei, ich bin frei. 

(Ein Lied von Thich Nhat Hanh)

* * *

 

Der Herz-Energiekreis

 

(Anregung für eine Gruppenübung)

 

     

Die Gruppe sitzt im Kreis, jeder in relativ dichtem Abstand
zum jeweiligen Nachbarn rechts und links.
Zunächst legt jeder beide Hände übereinander auf sein Herz
und sammelt sich hier, indem er einige bewusste, sanfte
Atemzüge zu diesem Zentrum lenkt
und sich mit viel Liebe nun dem eigenen Herzen zuwendet.
Die Herzenergie wird durch bewusstes Sammeln gestärkt.
Dann beginnt sich langsam das Herzchakra zu öffnen
und die Energie wird auch nach außen freigesetzt.
Jetzt belässt jeder seine linke Hand auf dem eigenen Herzen
und legt die rechte Hand in Herzhöhe (zw. d. Schulterblättern)
auf den Rücken des rechts neben ihm Sitzenden.
So wird der angeregte Energiefluss in den großen Herzkreis gelenkt
und verbindet nun alle auf dieser liebevollen
Schwingungsebene mit einander.
Indem jeder weiterhin positive Energie zum eigenen Herzen schickt,
wird er zugleich auch den Kontakt zu allen anderen spüren.
Ein tiefes Gefühl von inniger Verbundenheit, von Einheit wächst.
Dieses Empfinden lässt jeder still auf sich wirken und genießt es.
Nach einer Weile löst jeder die Hand vom Partner
und lässt beide Hände wieder auf dem eigenen Herzen ruhen,
spürt, was hinzugekommen ist durch diese gemeinsame Meditation.
Am Ende darf sich jeder mit einem Namaste
bei der Gruppe bedanken. 
 

 * * *

 

  

  

  

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